Nicht nur Studierende und Lehrende profitieren, wenn reproduzierbare Forschungsmethoden gelehrt werden, sondern die Gesamtqualität wissenschaftlicher Arbeit. Sie sollten daher bereits ab dem Bachelor-Studium systematisch in das Curriculum integriert werden. Dafür plädierte Richard Ball in der sechsten „Coffee Lecture on Open Science Education", in der er eine Initiative zur Integration von Reproduzierbarkeit in die wirtschafts- und sozialwissenschaftliche Lehre vorstellte, das Projekt TIER.
Am 23. April 2026 fand die sechste Veranstaltung der Reihe „Coffee Lecture on Open Science Education" statt. Richard Ball, Professor of Economics am Haverford College (USA), zeigte darin anhand des von ihm mitgegründeten Project TIER (Teaching Integrity in Empirical Research) auf, wie und warum Reproduzierbarkeit schon im Studium gelehrt werden sollte.
Den Anstoß für das Projekt gab ein Problem aus der Praxis: In seiner Statistikvorlesung konnte Ball die eingereichten Forschungspapiere der Studierenden nicht nachvollziehen. Deshalb schrieb er bereits 2005 eine Anleitung, wie Studierende ihre Projekte dokumentieren und einreichen sollten. Aus dieser Anleitung entstand im Rahmen von Project TIER das „TIER Protocol", das 2013 in einer ersten Version veröffentlicht und über die Jahre immer weiterentwickelt wurde. Anders als viele Initiativen, die in dieser Zeit gegründet wurden (etwa das Center for Open Science oder die Berkeley Initiative for Transparency in the Social Sciences), richtet sich Project TIER nicht primär an die Forschungsgemeinschaft selbst. Vielmehr verfolgt es das Ziel, Reproduzierbarkeit in die wirtschafts- und sozialwissenschaftliche Ausbildung zu integrieren.
Das TIER Protocol beschreibt, wie ein vollständiges Replikationspaket aufgebaut sein soll. Zentral sind dabei die drei Prinzipien des „Reproducibility Trifecta“: 1) alle Projektdateien sind in einem Ordner mit klar definierter Struktur gespeichert, 2) das Arbeitsverzeichnis ist explizit festgelegt und 3) Skripte verweisen auf davon ausgehende relative statt auf absolute Pfade. Wer diese Prinzipien befolgt, stellt sicher, dass die Dokumentation tatsächlich für eine Reproduktion genutzt werden kann.
Das Protokoll ist softwareunabhängig und bewusst so gestaltet, dass Lehrende es für ihre Bedarfe anpassen können. Daneben bietet Project TIER weitere frei zugängliche Ressourcen wie Musterkursmaterialien oder Beispiele echter Studierendenprojekte an.
Balls eigene Studierende reichen seitdem ihre Arbeiten mit nachvollziehbarer Reproduktionsdokumentation ein. Hierin liegt der erste, unmittelbar spürbare Vorteil der Vermittlung reproduzierbarer Forschungsmethoden: Lehrende und auch Studierende selbst verstehen die Studienprojekte besser. Wenn Lehrende die Projektergebnisse schneller nachvollziehen können, erleichtert das die Beratung und Bewertung der Leistung von Studierenden. Dies gilt besonders, wenn Studierende ihre Arbeiten, wie von Ball empfohlen, auf File-Sharing-Plattformen wie zum Beispiel GitHub oder GitLab bereitstellen. Denn dann können die Skripte vorab ausgeführt werden. Studierende profitieren von der besseren Beratung und von einem größeren Lerneffekt.
Darüber hinaus bereitet das Erlernen reproduzierbarer Forschungsmethoden sie auf ihre professionelle Karriere vor: Führende Fachzeitschriften, wie zum Beispiel die der AEA, fordern zunehmend die Einreichung von Replikationspaketen. Auch außerhalb der Wissenschaft ist der sichere Umgang mit reproduzierbarer Datenarbeit eine wichtige berufliche Kompetenz. Bezogen auf den US-amerikanischen Kontext etwa nennt Ball zum Beispiel Bundesbehörden, Think-Tanks oder die Beratungsbranche.
Ein weiterer Vorteil liegt laut Ball auf einer grundlegenderen Ebene: Das Arbeiten nach reproduzierbaren Standards vermittelt Studierenden, wie wichtig es ist, Argumente mit transparenter und überprüfbarer Evidenz zu belegen. Sie lernen, dass und wie sie solche Belege selbst erarbeiten können. Dies stärke ihre Eigenständigkeit und ihr Selbstvertrauen.
Erfreulich sei, dass immer mehr Lehrende Reproduzierbarkeit in ihre Lehrveranstaltungen integrieren. Dies sollte jedoch noch systematischer erfolgen. Idealerweise werde das Thema im gesamten Curriculum verankert, wie es die Initiative PsyTeachR der University of Glasgow vorlebt. Darüber hinaus plädiert Ball für mehr Vernetzung und Austausch zwischen Lehrenden über Institutionen hinweg, um Ressourcen zu teilen und voneinander zu lernen. Um eine solche Gemeinschaft aufzubauen und zu verstetigen, plant Project TIER gemeinsam mit FORRT und dem UK Reproducibility Network für diesen Juli eine Veranstaltung.
Tipp: Sie möchten Ihre Forschung reproduzierbar machen? Dieser Eintrag im Open Economics Guide gibt einen Überblick über die notwendigen Schritte.